Die Aussprache

Im dem Moment, als Mr. Bondage unser Wochenende abgesagt hatte, weil er sich lieber mit seiner Sub treffen wollte, war ich mir sicher, dass ich ihn nie wiedersehen will. Meistens ändert sich so ein Gefühl wenn die erste Wut verraucht ist. Er schrieb von einem Wiedersehen. Mein Bauchgefühl war erst mal dagegen. Ich fühlte mich sehr verletzt. Eigentlich wollte ich mich ohne eine Entschuldigung überhaupt gar nicht erst treffen. Er wollte dieses Gespräch aber nicht per WhatsApp führen. Was ja eigentlich sehr schlau ist, denn nur zu schreiben öffnet Missverständnissen Tür und Tor. Ich merkte, dass ich anfing per WhatsApp rumzusticheln. Zwei, drei böse kleine Nachrichten schrieb. Das was ich eigentlich gar nicht tun wollte. Wie ich das hasse, wenn ich sowas mache. Er ging überhaupt nicht darauf ein. Aber ich wollte eine Gefühlsregung, wollte hören, dass ich ihm auch fehle ihm Leben.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich wirklich soweit war, dass ich mir vorstellen konnte, mich auf ein Gespräch mit ihm zu treffen. Hörte in meinen Bauch hinein, ob es sich okay anfühlt. Als es das tat, verabredeten wir uns zum Essen. Ich war sehr verletzt, aber so ohne ein abschließendes Gespräch wollte ich unsere Beziehung nicht enden lassen. Wollte den unausgesprochenen Dingen noch Platz geben.Vielleicht ein paar Wunden schließen. In unserer Konstellation war klar, dass wir uns nur in seiner Stadt zum Essen treffen können. Mit seinem Arbeitspensum wäre alles andere für ihn kaum zu leisten. Das heißt aber auch, dass ich mit Hin- und Rückfahrt 1 1/2 Stunden investiere. Gefühlt in Vorleistung gehe.

Während des Hinwegs stellte ich mir unser Gespräch vor. Wie es wohl laufen würde. Wenn er sich nicht ernstgemeint entschuldigt, dann würden wir uns nach dem Abend nie wiedersehen. Das war mein Vorsatz. Und ich war mir sicher, dass ich diesen so durchziehen würde. Ich ließ mir Gesprächsvarianten durch den Kopf gehen. Aber in meinem Geiste sah ich ihn nie sich entschuldigen. Er war da nicht der Typ für irgendwie. Er trifft seine Entscheidungen und lebt dann aber auch mit den Konsequenzen.

Ich war zu spät, weil ich noch aufgehalten worden war. Mr. Bondage wartete in unserem Lieblingslokal auf mich. Er saß in der oberen Etage, am Nebentisch Frauengruppe. Sonst war niemand da. Die Begrüßung war frostig von meiner Seite. Er reichte mir die Speisekarte und sagte, dafür dass ich die Spritkosten tragen müsste, würde das Essen auf ihn gehen. Ich wollte mich nicht einladen lassen, lehnte dankend ab. Wollte die Unanhängigkeit wahren. Hatte mein Bauchgefühl so entschieden. Mir war nicht nach Smalltalk. Also war ich ziemlich schweigsam. Wir bestellten Essen. Dann kam das Gespräch auf das abgesagte Wochenende. Er entschuldigte sich dafür, dass er es so kurzfristig abgesagt hat. Ich sagte, dass mir das nicht reicht. Nur wenn es ihm leid täte, dass er es überhaupt abgesagt hat, dann könnte ich das akzeptieren. Da wäre ich auch auf alle meine anderen Freunde sauer, wenn sie mich an einem lange geplanten Wochenende versetzen würde, weil sie lieber vögeln wollen, es ihnen aber nicht leidtut.

Mir war vorher schon klar, dass ich mit Sicherheit in Tränen ausbrechen würde. Darüber ärgere ich mich manchmal. Männer sitzen da immer so cool und ich frag mich immer, wie die das machen. Ich kann die Tränen dann einfach nicht zurückhalten, aber das fühlt sich dann irgendwie schwach an. Weil er mir in meine Gefühlskarten schauen kann. Er weiß woran er ist. Das es mir weh tut. Aber woran bin ich??

Er hatte unserem Wochenende nicht so viel Wichtigkeit beigemessen, wie ich. Ich sagte, dass ich alles andere als eine ernstgemeinte Entschuldigung nicht akzeptieren würde. Er fragte, noch ob er nicht was tun könne, um die Situation zu verbessern, dass besser zu ihm passen würde. Ich schüttelte den Kopf. Dann kam das Essen. Wir saßen uns gegenüber und aßen und schwiegen. Lange. Sehr lange. Währenddessen überkam mich ein Heulkrampf. Die Tränen liefen mir nur so runter. Ich musste hart kämpfen nicht laut zu schluchzen. Reichte schon, dass die Tränen kullerten. Ich wollte den Nachbartisch nicht auch noch aufmerksam machen. Mangels Tempo musste die Serviette mich retten. Mr. Bondage saß mir gegenüber und konnte meinen Schmerz sehen. Sehen, wie er mich verletzt hat. Ich konnte sehen, wie er  mit sich rang. Das ganze Essen sprachen wir kein Wort. Ich hatte die Entscheidung in seine Hände gelegt. Es lag an ihm, wie es weitergehen würde. War ihm unsere Freundschaft so wichtig und wertvoll, dass er über seinen Schatten springen würde?

Und dann passierte es: Er entschuldigte sich. An den ersten Satz erinnere ich mich nicht mehr, der zweite war:“Es tut mir leid, dass ich so ein Arschloch bin, dass ich dir so weh getan habe.“ Es fühlte sich aufrichtig an. Ich konnte gar nichts sagen, denn es kullerten noch mehr Tränen, jetzt erleichterte. Er nahm meine Hand. Mein Serviette hatte ich schon durchgeweicht, da fragte ich ihn nach einem Tempo. Er hatte keines einstecken. Da zog er – typisch pragmatisch er – die Serviette unter dem Brot hervor. Als er liebevoll die Krümmel rausklopfte musste ich loslachen. Das war so er und dafür mag ich ihn. Das war der Eisbrecher-Moment. Ich fragte ihn, ob ich zum ihm auf die Bank sitzen dürfe. Dann lagen wir uns in den Armen. Ja, ich hatte ihm auch gefehlt. Wir sind uns nahe, wir kennen uns ziemlich gut. Mit dem Moment der ernstgemeinten Entschuldigung habe ich ihm verziehen. Da gibt es auch kein nachkarteln mehr, wie man in Bayern sagt.

Freundschaft mit Kuscheln und Küssen. Mit Lachen und politischen Diskussionen. Mit Ehrlichkeit. Eine ernstgemeinte Freundschaft. Ohne Sex. Das fühlt sich vom Bauch her okay an. Wir sind doch  Seelenverwandt. Es wäre hart gewesen, das nicht mehr zu haben. Das „bunte-Mädchen-alter-Mann-Ding“, unsere Gegensätzlichkeit wäre mir sehr abgegangen. Einen Versuch ist es wert.

8 Kommentare zu “Die Aussprache

  1. Ich hoffe, dass ihr noch viele schöne Zeiten zusammen verbringen könnt, wenn man so gut miteinander kann, sollte man zumindest die Freundschaft nicht einfach wegwerfen.

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  2. Ich wünsche dir von Herzen, dass es mit der Freundschaft funktioniert *ganzfestdiedaumendrück*.
    Die ganzen „abers“ lass ich mal weg. Manchmal ist Psychologie scheiße und ich hoffe einfach, dass sie nicht zutrifft.

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