Stillstand

Dass ich Single bin, konnte ich mit Ausnahme der Familienfeiern an Weihnachten und Ostern eigentlich ganz gut verdrängen. Da war dieses Mr. Bondage-Ding und es hat sich eben nicht singelig angefühlt. Jetzt aber nachdem sich dieses Mr. Bondage-Ding (leider) auf eine Freundschaft reduziert hat, fühlt es sich sehr singeling an.

Jetzt wird mir wieder bewußt, dass ich noch die Gewichtsbaustelle abarbeiten muss, um mit mir wieder ins Reine zu kommen. Ich glaube vorher wird es mir schwer fallen mich wirklich auf jemanden einzulassen. Außerdem hab bin ich im Oktober für einen Halbmarathon angemeldet (den mir Mr. Bondage nicht zutraut und den ich schon allein aus Trotz laufen werde) Keine Sorge, ich war in sehr jungen Jahren mal erfolgreiche Crossläuferin, ich gehe da nicht komplett blauäugig ran.

Dieses Abnehmen-Ding ist echt hart mit einer Schilddrüsenunterfunktion. Ich habe das in den letzten vier Jahren unzähliche Male versucht. Ich bewege mich da in einem Radius von 5 Kilo. Die geht es rauf und wieder runter. Aber etwas entscheidend zu ändern habe ich nicht geschafft. Das nagt an einem. „Iss weniger und mach mehr Sport“ würden manche sagen. Ich glaube, dass es nicht so einfach ist. Dass viele Faktoren mitreinspielen, wie Hormone und Stresslevel und dass ich glaube, dass sich Ernährung bei jedem anders auswirkt. Aber zumindest geht gerade mal wieder etwas vorwärts. Ich habe einen Mann gedatet, der sich angeboten hat mit mir Joggen zu gehen. Zwei Mal waren wir bereits. Ich hoffe, dass wir das regelmäßig hinbekommen.

Wehe, jetzt fragt irgendeiner nach dem Job-Ding. Schlechte Frage. Alle fragen mich das und ich hasse es. Ich komm da gerade gar nicht klar und es tut sich nichts. Ja, es fühlt sich auch schrecklich scheiße an, dass ich es nicht schaffe Bewerbungen zu schreiben. Punkt.

Wenn ich den Eintrag noch mal so lese, würde ich meinen es läuft in meinem Leben. NICHT. Aber ich bin trotzdem (noch) nicht todunglücklich. Wenig Sex, keine Liebe. Aber meine Freunde und Familie sind für mich da und verbringe Zeit mit ihnen.

Die Aussprache

Im dem Moment, als Mr. Bondage unser Wochenende abgesagt hatte, weil er sich lieber mit seiner Sub treffen wollte, war ich mir sicher, dass ich ihn nie wiedersehen will. Meistens ändert sich so ein Gefühl wenn die erste Wut verraucht ist. Er schrieb von einem Wiedersehen. Mein Bauchgefühl war erst mal dagegen. Ich fühlte mich sehr verletzt. Eigentlich wollte ich mich ohne eine Entschuldigung überhaupt gar nicht erst treffen. Er wollte dieses Gespräch aber nicht per WhatsApp führen. Was ja eigentlich sehr schlau ist, denn nur zu schreiben öffnet Missverständnissen Tür und Tor. Ich merkte, dass ich anfing per WhatsApp rumzusticheln. Zwei, drei böse kleine Nachrichten schrieb. Das was ich eigentlich gar nicht tun wollte. Wie ich das hasse, wenn ich sowas mache. Er ging überhaupt nicht darauf ein. Aber ich wollte eine Gefühlsregung, wollte hören, dass ich ihm auch fehle ihm Leben.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich wirklich soweit war, dass ich mir vorstellen konnte, mich auf ein Gespräch mit ihm zu treffen. Hörte in meinen Bauch hinein, ob es sich okay anfühlt. Als es das tat, verabredeten wir uns zum Essen. Ich war sehr verletzt, aber so ohne ein abschließendes Gespräch wollte ich unsere Beziehung nicht enden lassen. Wollte den unausgesprochenen Dingen noch Platz geben.Vielleicht ein paar Wunden schließen. In unserer Konstellation war klar, dass wir uns nur in seiner Stadt zum Essen treffen können. Mit seinem Arbeitspensum wäre alles andere für ihn kaum zu leisten. Das heißt aber auch, dass ich mit Hin- und Rückfahrt 1 1/2 Stunden investiere. Gefühlt in Vorleistung gehe.

Während des Hinwegs stellte ich mir unser Gespräch vor. Wie es wohl laufen würde. Wenn er sich nicht ernstgemeint entschuldigt, dann würden wir uns nach dem Abend nie wiedersehen. Das war mein Vorsatz. Und ich war mir sicher, dass ich diesen so durchziehen würde. Ich ließ mir Gesprächsvarianten durch den Kopf gehen. Aber in meinem Geiste sah ich ihn nie sich entschuldigen. Er war da nicht der Typ für irgendwie. Er trifft seine Entscheidungen und lebt dann aber auch mit den Konsequenzen.

Ich war zu spät, weil ich noch aufgehalten worden war. Mr. Bondage wartete in unserem Lieblingslokal auf mich. Er saß in der oberen Etage, am Nebentisch Frauengruppe. Sonst war niemand da. Die Begrüßung war frostig von meiner Seite. Er reichte mir die Speisekarte und sagte, dafür dass ich die Spritkosten tragen müsste, würde das Essen auf ihn gehen. Ich wollte mich nicht einladen lassen, lehnte dankend ab. Wollte die Unanhängigkeit wahren. Hatte mein Bauchgefühl so entschieden. Mir war nicht nach Smalltalk. Also war ich ziemlich schweigsam. Wir bestellten Essen. Dann kam das Gespräch auf das abgesagte Wochenende. Er entschuldigte sich dafür, dass er es so kurzfristig abgesagt hat. Ich sagte, dass mir das nicht reicht. Nur wenn es ihm leid täte, dass er es überhaupt abgesagt hat, dann könnte ich das akzeptieren. Da wäre ich auch auf alle meine anderen Freunde sauer, wenn sie mich an einem lange geplanten Wochenende versetzen würde, weil sie lieber vögeln wollen, es ihnen aber nicht leidtut.

Mir war vorher schon klar, dass ich mit Sicherheit in Tränen ausbrechen würde. Darüber ärgere ich mich manchmal. Männer sitzen da immer so cool und ich frag mich immer, wie die das machen. Ich kann die Tränen dann einfach nicht zurückhalten, aber das fühlt sich dann irgendwie schwach an. Weil er mir in meine Gefühlskarten schauen kann. Er weiß woran er ist. Das es mir weh tut. Aber woran bin ich??

Er hatte unserem Wochenende nicht so viel Wichtigkeit beigemessen, wie ich. Ich sagte, dass ich alles andere als eine ernstgemeinte Entschuldigung nicht akzeptieren würde. Er fragte, noch ob er nicht was tun könne, um die Situation zu verbessern, dass besser zu ihm passen würde. Ich schüttelte den Kopf. Dann kam das Essen. Wir saßen uns gegenüber und aßen und schwiegen. Lange. Sehr lange. Währenddessen überkam mich ein Heulkrampf. Die Tränen liefen mir nur so runter. Ich musste hart kämpfen nicht laut zu schluchzen. Reichte schon, dass die Tränen kullerten. Ich wollte den Nachbartisch nicht auch noch aufmerksam machen. Mangels Tempo musste die Serviette mich retten. Mr. Bondage saß mir gegenüber und konnte meinen Schmerz sehen. Sehen, wie er mich verletzt hat. Ich konnte sehen, wie er  mit sich rang. Das ganze Essen sprachen wir kein Wort. Ich hatte die Entscheidung in seine Hände gelegt. Es lag an ihm, wie es weitergehen würde. War ihm unsere Freundschaft so wichtig und wertvoll, dass er über seinen Schatten springen würde?

Und dann passierte es: Er entschuldigte sich. An den ersten Satz erinnere ich mich nicht mehr, der zweite war:“Es tut mir leid, dass ich so ein Arschloch bin, dass ich dir so weh getan habe.“ Es fühlte sich aufrichtig an. Ich konnte gar nichts sagen, denn es kullerten noch mehr Tränen, jetzt erleichterte. Er nahm meine Hand. Mein Serviette hatte ich schon durchgeweicht, da fragte ich ihn nach einem Tempo. Er hatte keines einstecken. Da zog er – typisch pragmatisch er – die Serviette unter dem Brot hervor. Als er liebevoll die Krümmel rausklopfte musste ich loslachen. Das war so er und dafür mag ich ihn. Das war der Eisbrecher-Moment. Ich fragte ihn, ob ich zum ihm auf die Bank sitzen dürfe. Dann lagen wir uns in den Armen. Ja, ich hatte ihm auch gefehlt. Wir sind uns nahe, wir kennen uns ziemlich gut. Mit dem Moment der ernstgemeinten Entschuldigung habe ich ihm verziehen. Da gibt es auch kein nachkarteln mehr, wie man in Bayern sagt.

Freundschaft mit Kuscheln und Küssen. Mit Lachen und politischen Diskussionen. Mit Ehrlichkeit. Eine ernstgemeinte Freundschaft. Ohne Sex. Das fühlt sich vom Bauch her okay an. Wir sind doch  Seelenverwandt. Es wäre hart gewesen, das nicht mehr zu haben. Das „bunte-Mädchen-alter-Mann-Ding“, unsere Gegensätzlichkeit wäre mir sehr abgegangen. Einen Versuch ist es wert.

Orgasmus und Schokolade

Stecke immernoch in der schwierigen Phase, in der ich herausfinden darf, womit ich denn meinen Lebensunterhalt in Zukunft verdienen will.

Mr. Bondage, der mich so ganz fies abserviert hat, fehlt mir als eine Art Lebensbegleiter, bei dem ich meinen Alltagsschrott ab und an abladen kann. Wir haben uns nicht wiedergesehen, um uns auszusprechen. Ich wollte die Wunden erst heilen lassen, was ganz gut geklappt hat, bis dann das Wochenende da war, an dem er sich mit der anderen getroffen hat. Ich habe versucht es mir so mit anderen Aktivitäten so voll wie möglich zu stopfen, um nicht darüber nachdenken zu müssen, was die beiden wohl gerade anstellen und wie schön das Wochenende hätte werden können. Das Vollstopfen mit anderen Dingen ist mir zu 90 Prozent ganz gut gelungen, meine Freunde sind eingsprungen. Aber es gab dann doch den einen Abend, an dem ich allein zu Hause war und nachdenken konnte.

Da konnte ich mir trotz besseren Vorsatzes eine stichelnde WhatsApp nicht verkneifen. Vor einem Aussprache-Gespräch hätte ich gerne eine Entschuldigung gehabt oder das Gefühl, dass ich ihm fehle. Das gibt er mir beides nicht. Hätte ich wissen können. So ist er nicht. So bleibt offen, ob es nochmal ein Treffen geben wird. Mein Bauchgefühl ist hin und her gerissen.

Meine grundsätzliche Gefühlsrange bewegt sich zur Zeit zwischen, „Juhu Freiheit“ und „Fuck, bin ich einsam“…

In dieser Gefühlsgemengenlage hatte ich nicht so wirklich viel Bock auf Sex, auch wenn es an Angeboten nicht gemangelt hat. Bis heute. Mr. Tiefenentspannt, der Cunnilingus-Gott, hat gespürt, dass es mir zur Zeit nicht so gut geht. Er fragte mich vor unserem heutigen Date auch, ob ich lieber nur Reden oder Sex haben wollte. Wir entschieden uns für unser klassisches Stundenhotel, aber nahmen uns heute zwei Stunden Zeit. Er war süß, denn er hatte mir Schokolade und Bier mitgebracht. Wir redeten erst. Er steckt gerade in einer ähnlichen Situation. Seine Beziehung ist in die Brüche gegangen. Er hat Liebeskummer, findet keine Frau mit der es sexuell und partnerschaftlich passt. Ich redete mir meinen Kummer von der Seele und er hielt mich fest im Arm. Das war ein sehr gefühlsintensiver Moment. Wir lagen einfach eine Weile da und gaben uns gegenseitig Nähe.

Wir haben uns noch nie geküsst und habe mich bisher auch nicht getraut zu fragen, warum das so ist. Vielleicht weil ich Angst vor der Anwort habe. Es hätte sehr in den Moment gepasst, zu knutschen, aber das ist nicht passiert. Nichtsdestotrotz war das was danach kam trotzdem intensiver als sonst. Wir taten das was wir eigentlich bei jedem Treffen tun: Er verwöhnt mich mehrmals oral und am Ende blase ich ihm einen Orgasmus. Man sollte meinen, dass das irgendwann langweilig wird, aber noch macht es das steigende Vertrauen, Aneinandergewöhnen intensiver. Heute machte er mir drei Orgasmen einen nur geleckt, zwei gefingert und geleckt. Und die waren heute noch intensiver als sonst. Vermutlich auch weil ich ein wenig ausgehungert war. Weil ich lange keinen Sex hatte. Ich liebe den Moment, wenn ich merke, dass der Orgasmus näherkommt und ich im Kopf bewußt loslassen muss, so dass der Körper übernimmt. Nicht mehr zu steuern, was dann passiert. Sich hingeben, es passieren lassen. Abspringen, wie beim Bungee-Jumping.

Die entspannende Wirkung von Sex (mit Orgasmus) ist unbezahlbar. Hinterher habe ich gespürt, wie notwendig das war. Wie ein Knotenlöser.

So sitze ich hier, entspannt grinsend, mit einer Tasse Tee und schicke in Gedanken Luftküsse an Mr. Tiefenentspannt, dafür dass er heute so ein wundervoller Mensch war.

Bind me

Ja Social Media: manchmal Fluch manchmal Segen.

Eigentlich geht es mir soweit ganz okay. Ich konnte die Gedanken an Mr. Bondage und das Ende der Beziehung gut beiseite lassen. Mir ist klar, dass das kommende Wochenende, an dem wir uns sehen wollten und er sich umentschieden hat, noch mal hart wird. Es wird hart, nicht darüber nachzudenken, was er wohl gerade tut.

Ich surfe gerade noch so ein bißchen im Internet auf der Rirarammel-Seite und zack sehe ich auf meiner Pinnwand: Mr. Bondage hat sich an vormals unserem Wochenende für eine Bondage-Veranstaltung in meiner Stadt angemeldet. Super. Ganz toll. So genau wollte ich es nicht wissen. Fuck.

Da kommen viele Gefühle nochmal hoch. Mir fehlt das Fesseln sehr. Hätte ich anfangs nicht gedacht, aber ich war gerne ein Ropebunny. Ich war stolz auf jedes Suspention-Bondage. Ich war dankbar, dass er sich anfangs viele Gedanken drüber gemacht hat, wie er mich aufhängen kann. Jetzt bin ich wahrlich weit weg von dem Körperbau einer japanischen Frau. Sportlich, aber doch einfach kräftig. Da muss man manches eben anders machen. Die Arme vor und nicht hinter den Körper fesseln.

Vielleicht ist Männer nicht so sehr bewußt, wie viel Frauen sich in ihrem Leben nach ihrer Optik beurteilen lassen müssen. Aber als wir dann auch ab und an öffentlich gefesselt haben, habe ich ihn gebeten darauf zu achten, dass mein T-Shirt am Bauch nicht hochrutscht, weil ich nicht wollte dass man sieht wie dort an der Seite das Seil einschneidet. Dem Wunsch kam er zwar nach, aber gefühlt nur widerwillig. Er hinterließ den Eindruck als verkomplizierte es das Fesseln für ihn.

Es kann zusammen gereimter Quatsch von mir sein, aber am Ende hatte ich das Gefühl, dass er eben lieber seine schlanke Sub fesselt öffentlich, weil sie halt eher einem vorzeigbaren Standard-Ropebunny entspricht. Die Szene ist klein, mann will sich als Rigger einen guten Ruf erarbeiten. Träumt davon aufzutreten. Da passe ich nicht in das Bild. Auf den Bühnen sieht man nur wunderhübsche Bunnys, mit Modelfiguren. Es gibt wie so oft im Leben nur einen Figurtyp der dort scheinbar eine Berechtigung hat. Nicht dass ich auf die Bühne will, aber die Szene zeigt einem auch, wie man zu sein hat.

Die Szene ist klein. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich jemanden finde, der Spaß daran hat ausgerechnet mich zu fesseln… dem ich vertraue, mit dem die Chemie stimmt. Puh.

Ich vermisse es einen Dom und/oder einen Rigger zu haben. Ich bezweifle, dass ich beides in naher Zukunft finden werde. Noch dazu muss ich mich in die Szene begeben um jemanden zu finden. Denn es wäre wohl vermessen zu glauben, dass ich nochmal gefunden werde. Sowohl von einem Rigger, als auch von einem Dom.

Jetzt, nachdem ich den Eintrag geschrieben habe, kommt es mir vor, als hätte ich ähnliches schon mal verfasst.. Falls dem so ist.. sorry.